Nachdenk-Märchen: Der Fliegende Prinz

Das folgende Märchen habe ich im Rahmen der Märchen-Blogparade: Es war einmal … auf blog.hildwin.de geschrieben.

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Es war einmal ein Prinz, der im Palast seines Vaters, des Noblen Sultans, aufwuchs. Seine Zunge erreichten nur die feinsten Speisen, seinen Leib kleideten nur die feinsten Gewänder und seine Augen reichten nie über die Mauern des Palastes, sahen nur die Zimmer und den Park.

Doch als der Prinz vom Jungen zum Mann überging, begann er zu fragen, was denn hinter der Mauer sei. Sein Vater antwortete ihm, dort lebte man nicht nobel genug. Seine Mutter antwortete ihm, dort sei es zu gefährlich. Der Koch sagte, das Mahl wäre dort ungesund. Die Magd bemerkte, die Küchen wären dort nicht sauber. Seine Gemahlin antwortete, sie wisse es selbst nicht und steckte ihm eine Blume ins Haar, bevor sie hinzufügte, dass das auch nicht wichtig sei. Doch was genau sich hinter der Mauer fand, wollte ihm keiner sagen.

Nun war der Prinz keinesfalls ein Dummkopf. Er hatte Unterricht erhalten in den schönen Künsten und den Wissenschaften. Und so baute er sich einen Gleiter, den auf den Rücken spannen konnte, um sich in die Lüfte zu erheben und endlich das Geheimnis zu lösen. Als er sein Werk vollendet hatte, trat er geräuschlos zum Fenster seines Gemachs, das er weit öffnete, und schwang sich in die Luft. Die Wachen am Tor bemerkten ihn und schlugen Alarm, doch da war er schon entschwunden.

Nun, da er die Palastmauer überquert hatte, sah er hinunter und blickte auf ein Meer aus kleineren Häusern. Sie waren so viel kleiner als der Palast, in dem der Prinz sein Leben lang gehaust hatte, dass er neugierig in die Tiefe ging und auf einem Platz landete. Er sah sich um und erblickte eine Menge Menschen, von denen einige ihn skeptisch musterten. Viele strömten vorbei, trugen Körbe und Planken. Frauen hinter Ständen mit den verschiedensten Gewürzen schrien laut und Männer saßen im Schatten vor ihren Häusern und führten seltsame Tätigkeiten aus. Der Prinz näherte sich einem von ihnen und fragte ihn, was er da tue. Er antwortete: „Ich flechte einen Korb, eure Majestät.“ Da fragte der Prinz, warum er das tue. Der Mann beäugte ihn und sagte schließlich: „Damit verdiene ich mein täglich Brot, eure Majestät.“

Verwundert schwang sich der Prinz wieder auf seinen Gleiter und flog voran. Er sah eine zweite Mauer und überquerte auch diese. Danach sah er ein Meer aus noch kleineren Häusern, die aus Holz bestanden. Er landete wieder auf einem Platz und schaute sich um. Er sah Menschen auf dem Boden liegen, die hungrig und arm aussahen. Hier war es viel leiser. Auf dem Rand des Brunnens in der Mitte der Platzes saß ein Mann, der sich ihm sogleich näherte und die Hand aufhielt und fragte: „Habt Gnade und helft einem alten Mann, eure Majestät.“ Der Prinz fragte, warum er nicht arbeite. Der Mann beäugte ihn verwundert und sagte: „Hier gibt es kaum Nahrung, also auch kaum Arbeit. So kam ich zur Welt, so werde ich sterben, eure Majestät.“ Der Prinz legte seinen vergoldeten und mit edlen Steinen besetzten Umhang ab und gab ihn dem Mann. „Verkaufe er ihn an die Menschen, die arbeiten und lebe er davon.“ Der Mann küsste ihm die Füße und entfernte sich.

Bedrückt schwang sich der Prinz wieder in die Luft. Nach einiger Zeit sah er eine dritte Mauer, die er sogleich überflog. Nun sah er nur wenige ärmliche Hütten und einige Felder. Er landete vor einer Menschenmenge, die sich sogleich nach ihm drehte. Er fragte die Menschen, was hier passiert sei. Sie blieben totenstill, bis eine schwächliche Frau antwortete: „Mehrere Menschen sind gestorben, eure Majestät.“ Der Prinz schritt durch die Menge und sah die Gräber und wusste kein Wort zu sagen. Er nahm die Blume aus seinem Haar und weinte und legte sie zu Boden.

Dann nahm er seinen Gleiter und stieg wieder in die Lüfte. Er überquerte die dritte Mauer und sah wieder Holzhütten unter sich. Er überquerte die zweite Mauer und sah wieder steinerne Häuser. Zuletzt überquerte er die Palastmauer und landete wieder im Park des Palastes. Zwei der Wachen kamen herbei, doch sie waren nicht gekommen, um ihn wegen seines Ungehorsams zum Vater zu führen. Auf ihren Lanzen standen schwarze Fahnen. „Euer verehrter Herr Vater, der Noble Sultan, ist verschieden, eure Majestät.“

Fassungslos betrat der Prinz das Gemach des Vaters und sah die Mutter an seiner Seite. Sie weinten zusammen, doch danach bestieg der Prinz mit neuen Kräften den Thron. Er ließ die Mauern einreißen und brachte Brot und Wasser, die Künste und die Wissenschaften zu allen Menschen. Von nun an hieß er „der Weise Sultan“ doch seine Untertanen kannten ihn noch Jahre danach als „der Fliegende Prinz“.

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Die Inspiration für dieses Märchen habe ich vor allem aus der Lebensgeschichte des Buddha und aus der amerikanischen Zeichentrickserie „Avatar – Herr der Elemente“ uebernommen.
Ich hoffe, sie gefällt!

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