Nachdenk-Märchen: Die achte Lehrerin

Es war einmal ein kleines Mädchen, das gut behütet im Haus ihrer Eltern aufwuchs. Das Haus fand sich inmitten einer Großstadt und die Natur sah man nur von fern. Des Mädchens Lieblingsbuch erzählte von ganz anderen Welten, wo Enten Panzer hatten, Eichhörnchen fliegen und Bäume laufen konnten. Das Mädchen verbrachte gern seine Zeit damit, auf die starren Bäume im Stadtpark zu klettern und auf den Horizont zu blicken, in der Hoffnung, dort diese anderen Welten zu erblicken. Doch sein Auge reichte in keiner Richtung über das Meer aus Stahl, Beton und Glas hinaus.

Es fragte daher die sieben Lehrer seiner Schule, die allesamt erfahrene Leute waren.

Der erste Lehrer, des Faches der Sprachen, war ein hochmütiger Mann, dem nichts über die hohe Kunst der Dichtung ging. Seinem Worte nach gab es nichts Ergiebigeres auf der Welt und daher habe er auch nie einen Anreiz gesehen, über die Vororte der Stadt hinauszugehen.

Die zweite Lehrerin, den Wissenschaften gewidmet, war eine dekadente Frau, die sich gern mit edlen Steinen und Metallen schmückte und sich im Erfolg ihrer Errungenschaften badete. Sie hatte immer mehr als genug zum Leben gehabt und daher nie einen Grund gesehen, den Horizont der Stadt zu überwinden.

Der dritte Lehrer, der Professor für Geschichte, war ein nachtragender Mann und hasste alle, die seinen Vorfahren womöglich geschadet hatten. Er war in seiner Wut nie auf die Idee gekommen, die Stadt zu verlassen.

Die vierte Lehrerin, wissend, wenn man von der Wirtschaft sprach, verdiente nie genug Geld, obwohl sie auch an der Börse handelte. Sie hatte nie genug Zeit gehabt, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Der fünfte Lehrer war der Politik zugeneigt und recht bequemlich. Er unterrichtete gern im Sitzen. Er liebte den Komfort der Großstadt so sehr, dass es ihm nie eingeleuchtet hatte, über ihre Grenzen hinaus zu schauen.

Die sechste Lehrerin, die sich Kunst und Musik hingab, hatte ihr Leben lang auf die Werke und Erfolge anderer geblickt. Sie hatte sich geschworen, das Feld nicht zu räumen, bevor sie nicht alle übertrumpft hatte.

Der siebte Lehrer, der in den Pflichten der körperlichen Bewegung stand, gönnte keinem Kameraden einen Sieg. Zu besessen vom Ziel war ihm nie der Gedanke gekommen, dass es noch Anderes im Leben geben könnte.

So fand sich das Mädchen allein mit seinen Gedanken und beschloss, sich selbst auf den Weg zu machen. Tapfer verließ es das laute Zentrum der Stadt und erreichte bald schon die Vororte. Es setzte fort und sah bald Felder und Wiesen, gespickt mit nur wenigen Häusern.

Nach langer Zeit fand es einen See, auf dem Enten schwammen. Überrascht stellte das Mädchen fest, dass es die Enten mit Panzern waren, von denen sein Lieblingsbuch erzählt hatte. Als die Enten das Mädchen so erstaunt sahen, kam ein großer, schöner Enterich näher und sprach: „Was verblüfft dich so sehr, dass du Wurzeln am Ufer schlägst? Das Mädchen sagte wahrheitsgemäß, es habe noch nie Enten mit Panzern gesehen. Da quakte der Enterich fröhlich und antwortete: „Es ist doch viel klüger, einen Panzer mit sich zu führen!“

Das Mädchen löste sich alsbald und setzte seinen Weg fort. Er führte es in einen Wald, wo es viele seltsame Tiere sah, große wie kleine. Bald traf es auch auf fliegende Eichhörnchen, die von Ast zu Ast trieben. Wieder einmal blieb es verblüfft stehen. Ein großes, golden schimmerndes Hörnchen mit zwei Jungen auf dem Rücken kam sodann auf es zu und fragte, was es denn so erstaune. Das Mädchen antwortete wahrheitsgemäß, es habe noch nie fliegende Hörnchen gesehen. Da kicherte dieses und sagte: „Es ist nur Gerechtigkeit, wenn auch wir wie die Vögel fliegen können.“

Und das Mädchen ging weiter und der Wald lichtete sich bald. Die Bäume an diesem Ort waren viel kleiner als andere. Plötzlich bemerkte das Mädchen auch, dass sie laufen konnten. Wieder einmal stand es in vollem Maße überrascht da. Ein Baum bemerkte sie und fragte mit tiefer Stimme, warum sie denn wie ein kranker Baum dastehe. Das Mädchen antwortete wahrheitsgemäß, es habe noch nie laufende Bäume, gesehen, die noch dazu so klein waren. Der Baum zeigte ein Lächeln in seiner Rinde und sprach: „Ein laufender Baum kann dort hingehen, wo es ihm beliebt. Doch er muss sein Wachstum mäßigen, sonst protestieren die starren.“

Als das Mädchen all dies gelernt hatte, kehrte es zurück in die Stadt. Nicht lange dauerte es, da wurde das Mädchen erwachsen und die achte Lehrerin an ihrer Schule. Und fortan lehrte sie ihren Schülern von den Tugenden, die sie erlernt und den Sünden, denen sie entsagt hatte.

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