Rezension: Meine spirituelle Autobiographie vom Dalai Lama

Wie euch sicher aufgefallen ist, habe ich gerade „My Spiritual Journey“ oder auf Deutsch: „Meine spirituelle Autobiographie“ gelesen. Das Buch schrieb der Dalai Lama höchst selbst zusammen mit seiner Dolmetscherin Sofia Stril-Rever. Ich habe es jetzt beendet und möchte eine kleine Rezension darüber schreiben.Zuerst einmal: Wer ist der Dalai Lama? Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama, wie der Titel in der Langform heißt, ist Buddhist und das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, eines Volkes im Himalaja, das seit Jahrzehnten unter chinesischer Besatzung leidet. Er ist mittlerweile 78 Jahre alt und lebt seit 54 Jahren im Exil. Seine Dolmetscherin Sofia Stril-Rever ist eine Sanskrit-Expertin mit weitreichender Erfahrung mit tibetischer, indischer und gemeinhin buddhistischer Kultur.

Das Buch „Meine spirituelle Autobiographie“ dient als eine umfassende Darstellung der Kultur und Werte des Mannes, der ein zunehmend aussterbendes kulturelles Erbe verkörpert. Nach einer kleinen Einleitung über die grundlegenden Werte des Dalai Lama wird das Buch in drei Teile aufgeteilt. In jedem Teil, der sich in mehrere kurze Kapitel unterteilt, bringt er seine Verbindung zum Thema zum Ausdruck.

Im ersten Teil, der sich seiner Identifikation als Mensch widmet, bringt der Dalai Lama zum Ausdruck, dass er sich selbst als kein besonderes oder wertvolleres Wesen als der Rest der Welt sieht. Diese Philosophie zieht sich durch das gesamte Buch. Danach stellt er seinen Lebenslauf dar, von der Kindheit bis zu seiner frühzeitigen Ernennung zum Dalai Lama mit sechzehn Jahren. Er geht auch auf seinen Glauben an den Kreislauf der Reinkarnation ein, den es zu durchbrechen gilt.

Der zweite Teil stellt seine Identifikation als buddhistischer Mönch und damit seine besondere Verbindung zum Volk Tibets dar. Er beginnt mit der Darlegung seiner spirituellen Praktiken und deren Zielen. Interessanterweise gibt er oft Vermerke in Richtung der Wissenschaften. Entgegen Vertretern anderer Religionen ist der Dalai Lama tatsächlich der Ansicht, dass sich buddhistische Lehren perfekt mit den modernen Wissenschaften vereinbaren lassen. Nach der Behandlung der inneren Transformation folgt sein Aufruf zur äußeren. In diesem Kapitel sind seine Aussagen wesentlich konkreter, denn er geht auf stichhaltige Probleme in der Welt ein. Schlussendlich widmet er ein ganzes Kapitel den Umweltproblemen. Es ist hinzuzufügen, dass er als Tibeter, aufgewachsen im zerbrechlichen Ökosystem des Himalaja, eine besondere Verbindung zur Umwelt hat, die für uns nur vorbildlich ist.

Teil drei beschäftigt sich mit seiner Rolle als Dalai Lama. Dieser ist wohl der wichtigste Teil des gesamten Buches, denn er bringt in detailreichen Schilderungen die Leiden des tibetischen Volkes zum Ausdruck. Der Dalai Lama setzt seine Autobiographie fort mit seiner Flucht aus Lhasa, der Hauptstadt Tibets, beim Einmarsch chinesischer Truppen. Er geht auf die Fehler Tibets ein sowie auf die Fehler Chinas. Er stellt klar, dass Tibet entgegen chinesischer Propaganda nie ein Provinz Chinas war und er betont immer und immer wieder die Verbrechen und Verstöße gegen die Menschenrechte, die bis heute andauern. Interessant zu verfolgen ist auch sein Engagement vor verschiedenen Instanzen wie den Vereinten Nationen und dem Europäischen Parlament, die allerdings ohne Wirkung auf China bleiben. Nichtsdestotrotz verkündet er bis zum Ende, dass er entsprechend seiner Lehren weder Wut noch Hass gegen das chinesische Volk verspürt.

Wer das Buch gelesen hat, wird zu dem Schluss kommen, dass der Dalai Lama ein Mann reiner Seele ist, der seine Philosophie der Liebe und des Mitgefühls so weit wie möglich auslebt, um für Frieden zu sorgen. Es ist beeindruckend zu lesen, wie dieser Mann von den vielen Leiden seines Volkes erzählt, aber an keiner Stelle bewaffneten Einsatz oder ähnliche westliche Methoden fordert. Mahatma Gandhi wird hier und da erwähnt und scheint als ein Vorbild für den Dalai Lama zu dienen.

Das Lesen vor allem des dritten Teils machte mich traurig. Vom Leiden eines Volkes zu lesen, das sich seit Jahrzehnten hinzieht, eingeschlossen die Zerstörung ihrer Kultur, Religion, Sprache und Architektur, die Verschleppung und Umerziehung der Kinder nach und in China, die Siedlungspolitik, die Tibeter zu einer Minderheit in ihrem eigenen Land macht, die massive Zerstörung eines Ökosystems, das seit Jahrhunderten von einem Volk gepflegt und instand gehalten wurde und vor allem die Lügen, auf denen das Ganze aufgebaut ist, sind grauenvoll anzusehen. Durch dieses Buch erscheint mir der Konflikt um Tibet sehr viel näher, als er geographisch ist.

Der Dalai Lama bringt in diesem Buch sehr kultivierte und reife Gedanken zum Ausdruck, bei denen sich Chinesen wie auch wir im Westen eine Scheibe oder zwei abschneiden können. Seine Philosophie basiert nicht wie die vieler Religionen auf Glaubensansichten, Mythen und Ideologien sondern auf der Realität, auf den Fakten. Lediglich seine Gedanken zur Reinkarnation scheinen in meinen Augen wenig fundiert zu sein, auch wenn ich nicht sehe, warum das nicht möglich sein sollte.

Insgesamt bin ich sehr glücklich, dieses Buch gelesen zu haben und ich glaube, dass es die Kraft hat, viele zu besseren Menschen zu machen! Für mich steht es jetzt in der Reihe der zeitlosen Lieblingsbücher neben Harry Potter und „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt.“ von Susan Cain. Wenn ich eine Schulnote geben würde, dann eine 1.

My Spiritual Journey by the Dalai Lama and Sofia Stril-Rever

Harpercollins Publishers, New York, 2010

ISBN: 978-0-062-01809-0

Meine spirituelle Autobiographie geschrieben vom Dalai Lama und Sofia Stril-Rever

Diogenes, 2009

ISBN: 978-3-257-06736-1

Übersetzt von Inge Stadler

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