Reformieren oder Zementieren?

Mit einem kanadischen Freund, der Webentwickler ist, habe ich mich vor Kurzem über Urheberrecht unterhalten. Er gab mir einen ganz neuen Blickwinkel auf die Debatte: „Was könnten wir alles schaffen, wenn wir all diese Technologien frei benutzen könnten?“ Interessanter Punkt. Und wieder dreht sich in meinem Kopf das Zahnrad: Sollten wir das Urheberrecht reformieren oder zementieren?Urheberrecht – Ein alter Schuh?

Man könnte sagen, dass diese Diskussion doch langsam alt wird. Ja, sie ist alt. Aber Evolution wird auch schon seit Jahrhunderten diskutiert, warum also nicht das Urheberrecht? Ich hatte mich genau genommen schon einmal dazu geäußert, allerdings in einem recht unsauber aus den Fingern gelutschten Eintrag, den ich dementsprechend hier auch nicht noch einmal verlinken möchte. Nur so viel: Ich entferne mich davon. Da ich gerade drei Tage Zugfahrt durch das kanadische Niemandsland vor mir habe, sollte mich nichts davon abhalten, dieses Mal etwas Anständiges zu tippen.

Auferstanden aus Verbrechern

Zuallererst muss ich kurz erwähnen, wie aus dem Urheberrecht überhaupt ein Diskussionsthema geworden ist. Vor dem Internet war das genauso klar wie Volljährigkeit mit 18; Das ist es und das war es schon immer. Aber es ist kein Zufall, dass das Urheberrecht zumeist im oder im Zusammenhang mit dem Internet besprochen wird. Die Debatte entstand im Prinzip dadurch, dass viele Leute so oft gegen ein Gesetz verstießen, dass es zur Normalität wurde.

Das Hochladen von Musik populärer Künstler bei YouTube ist nach wie vor illegal. Es ist die unerlaubte Veröffentlichung urheberrechtlich geschützter Inhalte, formal gesprochen. Auf Deutsch gesagt: Das gehört jemand anderem, auch wenn du dafür bezahlt hast. Hier wird es interessant, denn offensichtlich herrscht eine vollkommen andere Konzeption von Eigentum bei den Nutzern.

Grundsätzlich betrachtet schreibt das Gesetz also im Zusammenhang mit geistigen Werken einen anderen Begriff von Besitz vor als mit materiellen; Der Käufer ist der Besitzer, solange er das Produkt auch für sich behält. Gibt er es aber weiter, sprich veröffentlicht er es wieder auf YouTube, gehört es ihm nicht. Das Kaufen von Medien wie Musik und Filmen scheint also nur einen Teilkauf darzustellen. Das hat man mir an der Kasse nie gesagt.

Die Rechte der Künstler

Verglichen mit materiellen Gütern ist das, als wenn Mercedes Städte verklagen würde, weil sie ihre Busse für den öffentlichen Nahverkehr verwenden, schlimmer noch: damit Geld verdienen. Aus dieser Sicht klingen die Urheberrechtsgesetze ziemlich verrückt. Und doch haben sie einen Sinn: Sie sollen die Rechte der Künstler schützen.

Was sind die Rechte der Künstler? Die sollen einzig und allein darüber entscheiden können, was mit ihren Werken passiert; Wer sie unter welchen Bedingungen in die Hände bekommt, wer sie vertreiben und sich dabei seinen Teil vom Gewinn abschneiden darf und sicherlich auch das Schreiben des Werkes auf den Namen seines Schöpfers. Und diese Rechte wiederum gehen über Künstler hinaus und betreffen jeden, der etwas kreiert: Programmierer, Designer, Produkte von Konzernen.

Die Idee des Ganzen ist nicht falsch. Nach unserem westlichen Weltbild gibt es nun einmal Besitz, materiell wie auch intellektuell. Wer etwas erschafft, möchte seinen Namen darauf lesen. Er möchte damit verdienen und nicht andere hören, die es übernehmen und behaupten, es selbst geschaffen zu haben.

Die Grenze zwischen Original und Kopie

Die Technologien von heute haben es derart einfach gemacht, Dinge zu vervielfältigen, dass ein stärkerer Schutz geistigen Eigentums angebracht scheint. Andererseits mag man durchaus begründet argumentieren, dass Vervielfältigung nicht mit Diebstahl gleichgesetzt werden sollte. Wenn jemand Musik anderer im Internet veröffentlicht, ist sie immer noch in den Händen des Künstlers, sie ist nicht „nicht mehr da“. Sie ist nur gleichzeitig an einem anderen Ort.

Wenn das jemand macht, nennt er aber in der Regel den Künstler anstatt sich das Werk auf die eigene Fahne zu schreiben. Anders sieht das bei Patenten aus. Samsung und Apple haben sich nicht umsonst mehrfach vor Gericht über das Design des Samsung Galaxy Tabs gestritten. Es ist ein Leitsatz in der Branche, dass man am besten Produkte herstellt, die den anderen ähneln, ohne ihnen vollkommen gleich zu sein. Aber an welcher Stelle ziehen wir nun den Schlussstrich? Was genau macht ein Design eine Kopie eines anderen und warum können nicht zwei Designer (unabhängig von einander) die gleiche Idee haben?

Das Urheberrechtsgesetz sieht heute vor, dass alles, was vom menschlichen Geist kommt, einzigartig ist. Das ist löblich, die Frage ist aber viel mehr: Ist das möglich? Es gibt Millionen und Milliarden geistiger Werke auf der Welt; Es ist ein aussichtsloses Unterfangen, jedes davon begründet vom anderen abheben zu wollen. Im Übrigen gibt es Wege, Dinge auf legale Art zu kopieren. Warum ist ein Cover eines Musikstücks erlaubt? Ab welchem Punkt ist es ein Cover anstatt einer Kopie? Warum darf Samsung nicht das iPad „covern“?

Und unsere Daten?

Ich möchte noch einen anderen wichtigen Punkt nennen. Zählen persönliche Daten nicht als geistiges Eigentum?

Mittlerweile sind wir es viel zu sehr gewohnt, uns Gedanken darüber zu machen, welche Daten wir Facebook, Google und anderen in die Hände geben, denn wir wissen, dass sie sie weiterverwenden, unter Umständen weiterverkaufen. Im Kontrast dazu wird uns aber von allen Seiten vorgeschrieben, Daten anderer – sprich geistige Werke – nicht weiterzugeben. Es mag naiv klingen, aber resultiert der massive Verstoß gegen die Urheberrechtsgesetze (zum Teil) daraus, dass sich die Menschen „rächen“ wollen?

So oft es auch in den AGB steht und die Nutzer denen ohne nachzudenken zustimmen, bin ich doch der Ansicht, dass man bei einem Konflikt dieser Größe, in dem sich Millionen von Nutzern gegen Gesetze wehren aber gleichzeitig nicht ihre Gewohnheiten ändern wollen, nicht mehr auf herkömmliche Art argumentieren kann. Hier wird meiner Ansicht nach das menschliche Bestreben nach Zugehörigkeit ausgenutzt. Das Gleiche passiert im Fernsehen; Werbung wollen wir nicht aber, naja, abschalten irgendwie auch nicht. Und so schauen wir weiter und nehmen sie hin.

Urheberrechtsmissbrauch ist dualistisch

So schön das Urheberrecht für Schaffende sein kann, so sehr kann es zum Fluch auch für Unschuldige werden. In den USA gibt es ein konkretes Beispiel für diesen Missbrauch: Monsanto.

Monsanto ist eine Firma, die gentechnisch veränderte Produkte herstellt, vor allem Saatgut. Dieses ist aufgrund seiner gentechnischen Veränderung durch ein Patent geschützt. Ich wiederhole: Pflanzen, die einem Unternehmen gehören. Die Masche ist die Folgende: Bauern kaufen das Saatgut und bauen es an. Durch natürliche Verbreitung (Wind, Fortpflanzung) gelangt dieses auch in die Böden anderer, die dafür nicht bezahlt haben. Getarnte Prüfer werden durch die Lande geschickt, um Böden auf das gentechnisch veränderte Saatgut zu prüfen. Wird es gefunden, hat sich der Besitzer des Grundstücks strafbar gemacht, oder besser: hat Monsanto den Besitzer des Grundstücks strafbar gemacht. Er wird verklagt wegen Urheberrechtsverletzung und ein Unschuldiger wird verurteilt.

Funktionäre von Monsanto spielen übrigens tragende Rollen im amerikanischen Senat und Kongress und legen die gesetzliche Grundlage für ihre eigenen Praktiken. Und dieses Beispiel ist sicherlich nicht das Einzige auf der Welt. Avaaz führt gerade eine Kampagne gegen Monsanto, es wäre also schön, wenn ihr euch alle darin engagieren könntet, auch wenn ich von der Wirksamkeit dieser Klickkampagnen nicht wirklich überzeugt bin. Es ist zumindest ein Anfang.

Der ewige Sündenbock der YouTuber

Wenn es zum Thema Urheberrecht und YouTube kommt, ist auch immer gern von der GEMA die Rede. Unter den Zuschauern ist sie verhasst und mittlerweile gibt es schon eine Online-Kampagne dagegen. Grundlegend müssen die Kritiker aber anerkennen, dass sie ihren Sinn und eine gute Absicht hat. Sie ist das Organ, das direkt die Rechte der Künstler schützen soll. Wenn die GEMA ein Video auf YouTube sperrt, dann nicht weil sie bescheuert ist und allen auf die Nerven gehen will, sondern weil das Material ohne Erlaubnis hochgeladen wurde.

Wieder könnten wir hier über die Rechtmäßigkeit des Hochladens diskutieren, aber ich möchte (zur Abwechslung) etwas anderes nennen. Es ist mir schon passiert, dass Videos gesperrt waren, die der Künstler höchst selbst hochgeladen hatte. Was auch immer da passiert ist, es ist falsch. Im schlimmsten Fall geht die GEMA hier ihren eigenen Weg unabhängig von den Künstlern, was die Frage aufwirft: Für wen arbeitet sie?

Ich muss zugeben, dass dieses abstrakte Gebilde namens GEMA schon ziemlich undurchsichtig ist, und dass ich tatsächlich nicht von seiner vollen Rechtmäßigkeit ausgehe. Abgesehen davon ist seine Intention gut. Alles was es braucht, ist meiner Meinung nach eine Reform, die die Handlungen und Interessen offen legt.

Zusammenfassung

Und damit bin ich am Ende dieser überraschend langen Ausführung angekommen. Nun kommt die Frage aller Fragen: Reformieren oder Zementieren? Ich möchte gern auf buddhistische Art den Mittelweg gehen: Reformieren, ja, aber keine vollkommene Entrechtung. Auch ich möchte nicht, dass jemand diesen Text hier kopiert und als sein Eigen verkauft.

Es sollte ein Urheberrecht sein, das die Nennung des Autors verlangt, aber das Verbreiten vom Geld befreit. Richtig gehört, jeder sollte hoch- und herunterladen können, was er möchte. Jeder sollte kopieren und verbreiten dürfen, was er möchte. Aber jeder sollte verpflichtet sein, den Namen des Autors zu nennen und das Werk diesem auch voll und ganz zuzuschreiben.

Wo würde das hinführen? Es würde meiner Ansicht nach viel weniger ändern als man sich vorstellen könnte, denn genau das, was ich vorschlage, passiert im Moment, nur auf illegaler Basis. Auf Dauer würde das aber definitiv Industrien zerstören. Kommerzielle Musik und Filme würden nicht mehr existieren. Teilweise finde ich das gut; Es gibt viele Musiker, die nur aufgrund des Ruhms und des Geldes produzieren. Dabei entsteht aber tendenziell populistische Musik anstatt Kunst, so wie die Schreiber der BILD eher nach Aufmerksamkeit heischen als Wahrheit zu vermitteln. Aber wahre Fans würden immer noch zu Konzerten gehen um gute Künstler live zu sehen; Es ist einfach etwas vollkommen anderes. Über die Filmindustrie würde ich mir in der Tat Sorgen machen, aber auch da gibt es sicher Lösungen. Ich würde niemals behaupten, dass gute Geschäftsleute, die gutes Geld machen wollen, keine finden könnten.

Patente und damit vor allem Markenprodukte würden die großen Opfer des Ganzen werden; Abklatsch wäre erlaubt und würde sicherlich zur Norm. Mein Gedanke dahinter ist, dass man dadurch die Macht dieser Marken gehörig untergraben könnte und die Käufer womöglich wieder mehr auf die Qualität als auf die Optik schauen würden.

Persönliche Daten würde ich als geistiges und unverkäufliches Eigentum klassifizieren, denn sie betreffen keine Werke von Personen, sondern die Personen selbst. Die Weitergabe ohne erneute schriftliche oder persönliche Zustimmung bei jeder Gelegenheit sowie der Verkauf persönlicher Daten generell sollten verboten sein.

Und zu guter Letzt kommen wir zurück zu Monsanto: Alles, was lebendig ist, sollte frei sein; Sowohl die Bauern als auch ihr Saatgut. Alles andere ist einfach nur eklig.

Was sagt ihr zum Thema? Was ist eure Meinung zum Urheberrecht? Kennt ihr noch andere Beispiele für den Missbrauch von Urheberrechten? Lasst mir eure Ideen in den Kommentaren! Dankeschön!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s