Nachdenk-Geschichte: Die Mütze

Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, kämpfte er sich den Fußweg entlang. Er sah aus als wäre er nicht auf dieses Wetter vorbereitet gewesen, obwohl es doch schon seit Tagen keine Veränderung gegeben hatte. Tiefschwarze Wolken hingen über der Stadt, deren Gebäude ebenso tiefschwarz zurück starrten. In jeder Richtung war der Himmel von Wolken gesäumt, sodass sie selbst der starke Wind nicht bewegen konnte. Das Schauspiel mutete an wie eine Belagerung und die Geschosse waren eisige Tropfen, die in endlosen Reihen alles trafen, was nicht Schutz gesucht hatte; Autos, die am Straßenrand vor sich hin rosteten, Ampeln und Straßenlampen, die mit ihren blassen Lichtern in die Leere starrten, und die wenigen Menschen, die sich auf die Straße wagten. Von einem Wohnzimmerfenster aus mit einem heißen Tee in der einen und einem Buch in der anderen Hand wäre es ein seltsam schönes Schauspiel gewesen. Wäre es nicht nur seit fünf Tagen schon das selbe.Dem Mann, der immer noch seine Hände in den Taschen der alten Jogginghose vergrub, wurde im Sekundentakt Wasser auf die Schuhe gespritzt, nämlich jedes Mal, wenn ein Fahrzeug vorbei fuhr. In einer ruhigen Minute wechselte er die Straßenseite, weil der Bürgersteig dort breiter war. Er hielt sich etwas von der Fahrbahn fern und marschierte zügig voran. Neben seiner Hose und seinen durchnässten Schuhen musste die dünne, schwarze Jacke, die offensichtlich nicht für solches Wetter gemacht war, nur das kleinere Übel sein. Gleich den Müllcontainern und Briefkästen tauchte er in das Einheitsgrau der Szene ein, von dem sich nur seine Mütze abhob. Es war eine dicke und knallbunte Strickmütze mit einem Büschel Wollhaare obenauf, die ebenfalls in allen Farben leuchteten. Irgendwo zwischen Punk und Dreadlocks war seine Kopfbedeckung ein schillernder und hüpfender Punkt in der sonst trüben Suppe aus Großstadtarchitektur und Kleinwagen.

Er bog nach links in eine andere Straße, deren Bürgersteig von den Dächern kleiner Ladenfronten überhangen war. Für Momente war er im Trockenen, bevor wieder eine Ladung Wasser zwischen zwei Dächern wie ein Sturzbach gen Asphalt segelte. Ein Obdachloser schlief unter einem Dach, oder zumindest lag er dort mit geschlossenen Augen, eingehüllt in zerschlissene Decken. Womöglich genoss er das Geräusch des Regens, womöglich genoss er, dass es in dieser Zeit kaum jemandem besser ging als ihm, sobald er die Straße betrat. Der Mann mit der bunten Mütze ging weiter ohne ein Zeichen, das verraten könnte, dass er den Liegenden überhaupt bemerkt hatte.

Ein wenig später fand er eine trockene Bank unter einem der Dächer vor einem Geschäft. Eine eingesunkene Gestalt saß dort, ebenfalls eingepackt in viele Decken. Es war ein kleines Mädchen. Der Mann wunderte sich offenbar, so spät abends ein Mädchen dieses Alters allein in der Stadt zu finden. Dann fiel ihm wieder ein, dass es nur nachmittags war. Der Himmel ließ den Tag wie die Nacht erscheinen. Er warf einen nervösen und eher mechanischen Blick auf seine Armbanduhr, deren Ableben er ohne Überraschung zur Kenntnis nahm. Er ging in Richtung der Bank und fragte das Mädchen, ob er sich setzen dürfte. Offenbar erstaunt über die Frage blickte es auf und erwiderte nach einem Moment:

„Natürlich.“

Mit einem kurzen Kopfnicken setzte er sich und begann mit einem hoffnungslosen Versuch, seine Schuhe auszuleeren. Er schüttelte den Kopf, zog sie wieder an, und lehnte sich zurück. Offenbar wollte er nur für eine Minute ausruhen, da bemerkte er, dass ihn das Mädchen von der Seite her anblickte. Und eigentlich schaute es nicht auf ihn, sondern auf seine Mütze. Er musste lächeln.

„Sie gefällt dir?“

„Ja…“, sagte sie abwesend, ohne den Blick von seine Mütze abzuwenden. Nach einem kurzen Zögern setzte er fort:

„Warum bist du allein hier?“

„Bin ich doch nicht.“, erwiderte sie, diesmal schenkte sie ihm einen Blick mit großen Augen. Er lächelte noch einmal.

„Wo sind deine Eltern?“

„Oben…“, wieder starrte sie auf seine Mütze. Er wand den Kopf kurz nach oben und sah die Fenster eines Wohnhauses durch das Glasdach über sich. Er machte eine kurze Aha!-Bewegung als hätte er etwas erkannt und drehte sich wieder zu dem Mädchen.

„Was machst du hier?“

„Ich lausche dem Regen.“, antwortete es und drehte den Kopf zur Straße.

„Wird das nicht langweilig nach all den Tagen?“

„Nein. Der Regen ist nie langweilig. Regen ist Wasser – und Wasser ist Leben.“, wieder zuckte ihr Blick zu seiner Kopfbedeckung. Er geriet ins Grübeln. Nach einer kurzen Pause stand er auf und drehte sich zu ihr.

„Willst du schon gehen?“, fragte sie, beinahe wehleidig. Dass sie ihn duzte, verstimmte ihn nicht. Er fand sich etwas geehrt. Er nickte langsam.

„Ich muss weiter.“

Er wollte schon wieder in den Dauerregen marschieren, da fiel ihm etwas ein. Er nahm die knallbunte Mütze ab und setzte sie dem Mädchen auf. Es schaute ihn mit großen Augen an, die plötzlich feucht wurden. Er hätte das fast nicht bemerkt, da er sich daran gewöhnt hatte, dass alles um ihn herum irgendwie nass war. Am Regen lag es diesmal nicht. Er lächelte ihr noch einmal zu und ging weiter.

Das Wetter war auch schon besser geworden.

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