Nachdenk-Geschichte: Vor und zurück

Der Horizont schwang auf und ab. Im Takt zur Schaukel; vor, zurück, vor, zurück. Vielleicht stand ich still. Vielleicht waren es in Wirklichkeit die Berge, die sich auf und ab bewegten. Die Bäume schwangen beherzt mit. Die ganze Welt war in Bewegung. Vor, zurück, auf, und ab.

Unter mir tat sich der Abgrund auf. Immer, wenn ich nach vorn schwang, kamen die Bäume in Sicht. Dann verschwanden sie wieder hinter dem Felsvorsprung. Dann kamen sie wieder. Was würde passieren, wenn ich losließe? Wer finge mich auf? Ein soziales Netz? Ironman? Die Lebensversicherung? Nein, das alles existierte hier nicht. Da war nur ich, über dem Wald, in der Luft, mit klarem Blick auf die Welt, auf den Horizont.

Was sah ich? Ich sah Ruinen aus Stein, Stahl und Silizium. Sie waren schon fast wieder in dem immerwährenden Wald versunken, aber noch leicht erkennbar. Hier lag eine Idee, geschunden und zerbeult, dort war ein Traum, der leer und löchrig durch die Luft flatterte. Eine Ideologie lag am Boden, als letzte von Abertausenden unter ihr, leblos und blutig. Am Horizont war ein Luftschloss, das vor sich hin vegetierte und daneben eine Truhe voll leerer Emotionen.

Sie waren alle gegangen, als die große Erkenntnis kam. Es war eine zweite Epoche der Aufklärung gewesen; Die Blinden sahen, die Stummen sprachen. Die Wahrheit hatte sich breit gemacht. Sie war nicht die beste Freundin der Lüge, und noch weniger der Ignoranz. Damit stand sie auch den Menschen nicht gerade freundlich gegenüber. Sie gingen. Anstatt sich auf den Kampf eines jeden mit sich selbst einzulassen, der schon seit der Geburt ihrer Art schwelte, gingen sie lieber. Sie wichen zurück, feige und egoistisch. Sie hatten alles bekämpft, was sie vor Augen hatten, aber nie das, was dahinter lag.

Nun, da sie weg waren, war die Welt immer noch hier. Der Wald grünte. Die Felsen standen. Das Wasser floss. In vollkommenem Desinteresse am Schicksal ihrer höchsten Art – derart bedeutend hatten sie sich selbst eingestuft – lag die Erde da und lebte weiter. Sie trieb weiter durch die unendlichen Weiten des Universums, drehte sich Tag für Tag. Keine Uhr maß ihre Bewegung, kein Lineal ihre Haut. Warum auch?

Sie war wunderschön so wie sie war. Sie war vielleicht nicht perfekt, denn sie könnte auch anders sein. Aber sie war gut und richtig. Während die Menschen sie anschauten wie eine unfertige Konstruktion, die durchstrukturiert werden müsste, und sie auch als solche behandelten, war der Rest ihrer Bewohner mit dem glücklich, was sie ihnen gab. Sie akzeptierten auch, dass sie manchmal etwas nahm. Die egoistischen Menschen aber wollten alles haben und nichts geben.

Sie bäumten sich auf gegen alles, kämpften an fünfzig Fronten und erschufen Maschinen, deren einziger Zweck die Hinrichtung allen Lebens war, das in ihre Schusslinie geriet. Dass die Erde mächtiger war als sie, wollten sie nicht begreifen. Bis zum bitteren Ende.

Am Ende mussten sie alle in den Abgrund stürzen. Ihre Zivilisation ging vor und zurück, vor und zurück, bis der Druck zu groß wurde und sie loslassen mussten. Und ihre Zeit stand still. Es war die Welt, die in Bewegung war, nicht die Menschen.

Die leere Schaukel auf dem Vorsprung hing reglos dort.

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