Querelles allemandes

Ich lese zur Zeit das Buch der Deutschen (ja, es wird eine Rezension geben!) und bin auf diesen sehr interessanten Text von Wilhelm Grimm gestoßen. Es handelt sich dabei um einen Bericht über das „Deutsche Wörterbuch“ (verfasst von den Gebrüdern Grimm), das allerdings nie fertig gestellt wurde. Und in ebendiesem Bericht hat Wilhelm Grimm einiges festgestellt, das mich nachdenklich gestimmt hat.

Man muss sich zuerst vor Augen führen, dass dieses einer der ersten Versuche war, ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu erstellen. Im Gegensatz zum Französischen, was Grimm auch ausführlich beschreibt, hatte es vorher kaum eine einheitliche Sprache gegeben. Das ist natürlich ein Ergebnis der Zersplitterung des damaligen Deutschlands, das eher als zufällige Ansammlung kleiner unbedeutender Fürstentümer vor sich hin vegetierte. Die Gebrüder Grimm versuchten also, eine Sprache zu Papier zu bringen, die sich irgendwo zwischen Luther und Goethe etabliert hatte, aber nie wirklich einheitlich gewesen war.

Auch das wiederum ist natürlich der Entwicklung Deutschlands geschuldet, das anders als Frankreich nie (meiner Ansicht nach bis heute nicht) eine Nation mit klarer Identität oder Grenze war. Eine staatliche Kontrolle der Sprache hat es auch nicht gegeben und gibt es bis heute nicht. (Jedenfalls nicht so umfassend wie im Musterbeispiel Frankreich.) Anders als ich erwartet hatte aber, versuchten die Gebrüder Grimm nicht, einen einheitlichen Standard zu finden, der andere Schreibweisen oder Regeln ausgrenzt und für falsch erklärt.

„Unsere Schriftsprache kennt keine Gesetzgebung, keine richterliche Entscheidung über das, was zulässig und was auszustoßen ist, sie reinigt sich selbst, erfrischt sich und zieht Nahrung aus dem Boden, in dem sie wurzelt. […]

Sollen wir eingreifen in den Sprachschatz, den die Schriften dreier Jahrhunderte bewahren? entscheiden, was beizubehalten, was zu verwerfen ist? […] Nein, wir wollen der Sprache nicht die Quelle verschütten, aus der sie sich immer wieder erquickt, wir wollen kein Gesetzbuch machen, das eine starre Abgrenzung der Form und des Begriffs liefert und die nie rastende Beweglichkeit der Sprache zu zerstören sucht.“

Ich war sehr überrascht, als ich das gelesen hatte. Er wollte die Mundarten und Dialekte beibehalten, anstatt eine einheitliche Sprache zu schaffen. Was für eine interessante Interpretation eines Wörterbuchs, nicht wahr? Es schreibt nicht vor, es schlägt vor.

Und doch ist es nicht so, dass Grimm die Sprache unbedingt den Veränderungen preisgeben wollte. Was mich amüsiert hat war, dass er sich im Text über Fremdworte ausgelassen hat. Nur geht es hier nicht um die modernen Anglizismen sondern viel mehr um Lehnwörter aus dem Französischen und aus Lateinischen, die damals modern waren. Wie originell aktuell!

Was möchte uns Wilhelm Grimm also sagen? Veränderungen in der Sprache sind gut, sogar schwerlich zu verhindern. Aber es wird schnell zu viel des Guten. Dementsprechend sind neue und fremde Worte nichts Schlechtes, solange sie nicht in Massen die Sprache überfluten. Das ist doch ein schöner Kompromiss für uns neue Sprecher des modernen Denglisch!

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